Hart am Wind

31. Stock, Upper West, knapp 110 Meter über dem Bahnhof Zoo in Berlin. Schon die Büros auf Nabenhöhe eines größeren Windrads zeigen, wo Lars Meyer mit Nextwind hin will: hoch hinaus. Das Start-up schickt sich an, einer der großen Stromanbieter Deutschlands zu werden. Die Idee ist verblüffend einfach. Meyer und sein Team kaufen Windparks, tauschen die alten Windräder gegen effizientere aus und verkaufen dann Strom. Wer jetzt denkt, das ebenfalls zu können, dürfte an etwas ganz Wesentlichem scheitern: Geld.

Zunächst einmal, und das ist Meyer wichtig: „Wir sehen uns als Energieproduzenten. Wir sind kein Projektentwickler, kein Finanzinvestor.“ Wir sind nicht auf den schnellen Euro aus, schwingt da mit. Nextwind geht ins unternehmerische Risiko. Was gekauft wird, wird modernisiert und auch nicht weiterverkauft, sondern gebündelt.

Das Konzept passt in die Strategie der Bundesregierung. Deutschland setzt auf erneuerbare Energien. Bis 2030 soll 80 Prozent des Stroms aus solchen Quellen stammen. 2024 waren es nach Zahlen der Experten von Fraunhofer ISE gut 58,8 Prozent. Windanlagen an Land machten allein 23,5 Prozent aus. Derzeit sind 63,5 Gigawatt Leistung installiert, bis 2030 sollen es 115 Gigawatt werden. Dafür müssen neue Standorte erschlossen, alte Standorte runderneuert werden.

„Mehr Strom auf bestehenden Flächen zu produzieren, ist politisch eleganter, als auf der grünen Wiese Neues zu bauen“, sagt der Co-CEO. Aber: „Es muss auch wirtschaftlich sinnvoll sein, sich für Investoren, die das erforderliche Kapital bereitstellen, lohnen.“ Deutschland war einer der ersten Märkte, der Wind in einer relevanten Größe für Stromerzeugung nutzte. Nach 20 Jahren fallen jetzt die ersten Anlagen aus der Förderung, weshalb viele Eigentümer, ob Bauern, Gemeinden oder Kleininvestoren, aussteigen wollen. Hier tritt Nextwind auf.

Solche Altstandorte haben Vorteile. „Die ersten Windparks sind an besonders windträchtigen Stellen gebaut worden, die sehr ertragreich sind“, sagt der Co-Chef. Die Akzeptanz für Windparks sei größer, auch würden dort neue Anlagen beschleunigt genehmigt, anders als auf der grünen Wiese. „Wir ersetzen die 20 Jahre alten Anlagen durch moderne, die Kapazität steigt kräftig, die Stromausbeute vervier- oder verfünffacht sich.“

Bevor gebaut wird, braucht Nextwind auch eine Lizenz zum Betrieb, die das Unternehmen bei der Bundesnetzagentur ersteigern muss. Liegt sie vor, gilt für 20 Jahre eine feste Einspeisevergütung – für Investoren äußerst interessant, weil gut berechenbar. „Das Geschäftsmodell ist vielleicht nicht besonders anspruchsvoll“, sagt Meyer. „Der Rohstoff, auf dem das Geschäft läuft, ist Kapital, sehr viel Kapital. Darauf haben wir Zugriff. Und das ist auch die Einstiegsbarriere für andere, die uns nachahmen wollen.“

Gerade bei den Summen, um die es geht, ist Vertrauen wichtig. Das hat Meyer aufgebaut. Er startete als Ingenieur unter anderem bei Siemens, beriet dann Investmentbanken in bei Unternehmensübernahmen und -fusionen, bevor er großen Investoren mit seinem Wissen bei Energieinvestitionen half. Mitgründer Werner Süss, Co-Chef bei Nextwind, arbeitete als Vertriebschef Europa des Energieversorgers Vattenfall. Mitgründer Ewald Woste leitete lange den Energieversorger Thüga und war Präsident des Energieverbands BDEW, heute sitzt er im Aufsichtsrat des Energiekonzerns Eon.

Nextwind verfügt inzwischen über rund 750 Millionen Euro Eigenkapital, Anteilseigner neben den Gründern sind US-Finanzinvestor Sandbrook Capital, spezialisiert auf erneuerbare Energien und die beiden kanadischen Pensionsfonds PSP Investments und Imco sowie die Gründer mit unter zehn Prozent. Das Geld mag reichen für Ankäufe, um neue Windräder aufzustellen, ist noch mehr nötig. „Wir schieben Investitionen von gut 2,5 Milliarden Euro vor uns her“, sagt Meyer. „Wir planen derzeit einen Konsortialkredit mit mehreren großen Finanzinstituten im Milliardenbereich.“

Bisher gehören Nextwind gut 40 Windkraftstandorte unterschiedlicher Größe vor allem in Norddeutschland, von der Eifel über Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern bis Brandenburg. Sie haben eine Kapazität von 450 Megawatt, erneuert kämen sie auf 1,4 Gigawatt Leistung, die Größe eines modernen Atomkraftwerks. Bis 2028 will Nextwind auf eine Leistung von drei Gigawatt kommen. Dafür müssen noch einige Standorte gekauft und dann vor allem umgebaut werden. Zusätzlich zum Ausbau und Betrieb der Windparks planen Meyer und seine Mitgründer dezentral Batterien und Solarparks, um die bestehende Netzinfrastruktur besser zu nutzen und Phasen hohen und niedrigen Winds auszugleichen.

Die Idee zum Unternehmen stammt schon von 2016, seit 2018 haben die Gründer sich intensiv damit beschäftigt, 2020 startete Nextwind. Richtig los ging es 2024, nachdem die Investoren eingestiegen waren. Binnen eines Jahres wuchs die Belegschaft von 20 auf 90 Mitarbeiter.

Das Unternehmen zog in die 31. und 32. Etage des Berliner Hochhauses ein – früher Sitz des deutschen Teils der Signa Holding von René Benko, einem windigen Unternehmer, der Luftschlösser baute, hoch hinaus wollte, aber die Bodenhaftung verlor. Nextwind arbeitet deutlich anders: Die Windparks, die bereits gekauft sind, erzeugen Strom, das Unternehmen rechnet mit 50 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr. Und es ist selbst ohne runderneuerte Anlagen profitabel.