Sportlich haben viele Fans während der Fußball-Europameisterschaft 2024 Spektakuläres erlebt. Außerhalb der Stadien überraschte viele der graue deutsche Alltag beim Bezahlen: nur Bargeld. Vor allem für Gäste aus dem Euro-Ausland war das eine denkwürdige Situation. Denn in kaum einem europäischen Land hängen die Menschen so an Münzen und Scheinen wie in der Bundesrepublik. Dabei nutzen sie selbst gern andere Zahlmöglichkeiten.
Seit 2008 befragt die Bundesbank regelmäßig die Bundesbürger nach ihrem Verhältnis zum Bargeld. 2023 gaben 44 Prozent an, am liebsten mit Karte, Mobiltelefon oder in anderer Form zu bezahlen. Nur 28 Prozent bevorzugten Bargeld, dem Rest war es egal. Vor allem für kleine Summen haben die Bundesbürger offenbar Scheine und Münzen in den Portemonnaies. Sie bezahlten zwar in 51 Prozent aller Fälle bar, der Anteil am Gesamtumsatz betrug aber nur rund 26 Prozent. Vor zehn Jahren sah es noch anders aus. 79 Prozent aller Transaktionen und 53 Prozent des Gesamtumsatzes liefen über Bargeld. Dieser Trend dürfte auch in den kommenden Jahren anhalten.
In anderen Ländern ist das Zahlverhalten schon heute deutlich anders. In Schweden ist es in Supermärkten zwar möglich, Scheine zu zücken, die Schlange an der Kasse wird in der Regel aber sehr unruhig, weil es nicht recht vorangeht, wenn erst das Wechselgeld abgezählt wird. Selbst Obst und Gemüse, das manche Hobbybauer am Straßenrand in kleinen Holzbuden anbietet, lässt sich digital bezahlen. Belgien, Großbritannien, Frankreich, Polen, Spanien – in vielen Ländern ist Bargeld nur in Ausnahmefällen nötig.
Ob es in Deutschland auch soweit kommt? Die Bundesbank hatte Anfang vergangenen Jahres bereits in drei radikalen Szenarien untersucht, ob und wie viel Münzen und Scheine die Deutschen wohl 2037 noch nutzen. Selbst in einer vollständig digitalen Bundesrepublik, in der Läden kein Personal mehr an den Kassen haben, Kundinnen und Kunden alles selbst scannen, wird demnach noch in 15 Prozent aller Fälle bar bezahlt.
Das könnte auch an einer besonders innigen Beziehung zu Münzen und Scheinen liegen, die in anderen Ländern vielleicht nicht so ausgeprägt ist. Für 69 Prozent der Befragten Bundesbürger ist wichtig, bar bezahlen zu können. Für die Gesellschaft insgesamt finden sogar 72 Prozent Bargeld wichtig. Dabei gilt: Je älter die Menschen sind, desto wichtiger ist es ihnen.
Die persönlichen Vorteile aus Sicht der Deutschen: 41 Prozent versprechen sich von Bargeld einen besseren Überblick über die Ausgaben. 47 Prozent sagen, die Zahlung sei sofort erledigt, man müsse hinterher nichts überprüfen. Und 63 Prozent erklären, Barzahlung schütze ihre Anonymität. Größter Vorteil von Kartenzahlung ist der Umfrage zufolge mit 77 Prozent, dass man sich keine Gedanken darüber machen muss, ob man genug Geld dabei hat. 40 Prozent sagen, Kartenzahlung sei einfacher, 38 Prozent, sie sei schneller.
Gut ein Viertel der Befragten bezahlt bar, weil Münzen und Scheine häufiger akzeptiert werden. Oft nehmen der Kiosk um die Ecke, der Käsestand auf dem Markt oder die Kneipe keine Karten an. Das wandelt sich aber. Vor allem Behörden setzen auf digitale Zahlmöglichkeiten. Die Hälfte ließ 2023 nur Kartenzahlung oder Ähnliches zu. 2021 waren es nur etwas mehr als ein Drittel Prozent. Auch sonst verbannen Geschäfte, Tankstellen, Dienstleister Münzen und Scheine – zum Beispiel jeder zehnte Gastronomiebetrieb oder Lieferdienst. 2021 war es nur jeder 20. Und die angehende Bundesregierung aus Union und SPD will einführen, dass jedes Geschäft neben Barzahlung auch eine unbare Methode anbieten muss – zum Beispiel Kartenzahlung.
Wer sich mit Scheinen eindecken möchte, braucht nach Aussage der Bundesbank im Schnitt nur 1,2 Kilometer bis zu einem Geldautomaten, Bankschalter oder einer Supermarktkasse, an der inzwischen auch Geld abgehoben werden kann. Weil das ein Durchschnittswert ist, können die Strecken im wahren Leben deutlich länger sein, vor allem auf dem Land. Auch bedeutet das nicht, dass der nächste Geldautomat einer der eigenen Bank oder Sparkasse ist und es deshalb nichts kostet, Geld abzuheben.
Mitte 2024 gab es in Deutschland insgesamt rund 51.700 Geldautomaten, wie die Europäische Zentralbank gezählt hat. Die Zahl nimmt seit 2016, als es 59.900 solcher Geräte gab, stetig ab. 2000 gab es in der Bundesrepublik rund 47.700 Automaten. Damals wurde noch deutlich mehr mit Bargeld gezahlt. Allerdings gab es auch mehr Filialen. Inzwischen haben die Banken und Sparkassen dort radikal gespart.
Die größten gesellschaftlichen Nachteile von Bargeld sehen die Deutschen in der Kriminalität. 58 Prozent der Befragten gaben an, es begünstige Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Geldwäsche. 54 Prozent sorgen sich über Raubüberfälle und Geldautomatensprengungen. Das Bargeld die Digitalisierung der Gesellschaft ausbremst, glauben nur 17 Prozent.
Alles auf Kartenzahlung zu setzen, hat allerdings auch Tücken, was viele Kunden 2022 leidvoll erfahren mussten. Damals fiel wegen eines Softwarefehlers jeder zehnte Zahlterminal im deutschen Handel über mehrere Tage aus. Pannen gab es auch im Mai und September 2024. Bargeld braucht weder Strom noch besondere Lesegeräte. Deshalb sehen 98 Prozent den gesellschaftlichen Wert von Münzen und Scheinen vor allem darin, dass man auch in Krisenfällen und bei technischen Störungen bezahlen kann.