Milliarden ins All schicken

Für drei Tage wird Bremen kommende Woche zum Zentrum der Raumfahrtwelt – zumindest der Europas. In der Hansestadt entscheidet sich, wie viele Milliarden die Europäische Raumfahrtagentur Esa in den kommenden Jahren ausgeben kann, welche Programme angeschoben werden. Für die Europäer geht es darum, auch in den nächsten Jahren international vorn mitzufliegen, für Deutschland um die führende Position und für die schwarz-rote Bundesregierung um Glaubwürdigkeit.

Alle drei Jahre treffen sich die Raumfahrtminister der 23 Esa-Mitgliedsstaaten, um über den Etat für die nächsten drei Jahre zu verhandeln, erstmals seit mehr als 20 Jahren wieder in Deutschland. Sie legen auch fest, welche Projekte weitergetrieben werden sollen und was neu dazu kommt. Dazu gehören neue Raketenprogramme, Asteroidenabwehr, Beseitigen von Weltraumschrott, mehr Erdbeobachtung.

Die Esa will in Bremen Programme im Wert von 22 Milliarden Euro vorstellen, wie Generaldirektor Josef Aschbacher sagt. Bereits seit Monaten wird hinter den Kulissen verhandelt, werden Allianzen gebildet. Die letzten Gespräche laufen in Bremen. Dass die geplante Summe komplett zusammenkommt, ist unwahrscheinlich. 2022 waren Programme für 18,5 Milliarden Euro geplant, 16,9 Milliarden Euro sagten die Länder zu.

Deutschland stellte in den vergangenen Jahren mit 3,5 Milliarden Euro vor Frankreich mit 3,2 Milliarden Euro das meiste Geld bereit. Und 2025? „Ich setze auf Deutschland“ sagt Aschbacher. Die Bundesregierung will jedenfalls dieses Mal richtig punkten und aufstocken. Schon im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, die Esa zu stärken. Das Forschungsministerium bekam den Zusatz Raumfahrt im Namen. Jetzt kommende Woche zeigt sich, ob Schwarz-rot es wirklich ernst meint.

„Es wird so sein, dass Deutschland nach wie vor der größte Beitragszahler sein wird“, kündigt Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU) bei einem Termin zur Weltraumsicherheit an. Sie spricht von mehreren Milliarden Euro. Eine konkrete Summe nennt sie nicht. Aus dem Umfeld der Verhandlungen ist zu hören, dass es fünf bis sechs Milliarden Euro sein könnten. Es wäre ein deutliches Plus zu den inflationsbereinigt vier Milliarden Euro von 2022. Die Zahlen von Esa und Bundesregierung unterscheiden sich, weil die Deutschen anders als die Esa die Teuerung mit einkalkuliert hatten, was vor drei Jahren einige Beteiligte irritierte. Nicht berücksichtigt sind die 35 Milliarden Euro, die Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in den nächsten sieben Jahren in militärische Raumfahrtprojekte stecken will.

Die Esa achtet darauf, dass das, was ein Land überweist, auch in dem Land wieder ausgegeben wird. Die deutschen Milliarden kommen also der deutschen Industrie zugute. Die gehört bereits heute zu den führenden in Europa. Deutschland ist einer der wichtigsten Standorte für Raumfahrttechnologie in Europa. „Technisch und wissenschaftlich sind wir auf einem sehr guten Niveau, finanziell noch nicht“, sagt Walter Pelzer, Leiter der Deutschen Raumfahrtagentur. Sie ist beim Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) angesiedelt.

Raumfahrt ist kein teures Hobby einzelner Regierungen, sondern aus Sicht vieler Experten strategisch wichtig. Daten aus dem All erlauben genauere Wettervorhersagen. Sie helfen Autos bei der Navigation, Landwirten beim Düngen. Satellitenschwärme verbinden entlegene Gegenden mit dem Internet. Der Katastrophenschutz bekommt präzisere Informationen. Klimasünder können einfacher aufgespürt werden.

War das All lange die Domäne staatlicher Programme, drängen zunehmend private Firmen in das Geschäft, bereiten Wetterdaten auf, helfen bei der Stadtplanung, bieten kleine Fabriken für die Produktion in Schwerelosigkeit. New Space nennt sich das neue privatwirtschaftliche Geschäft mit dem All.

Allein der Markt für Raketen und Satelliten wird sich weltweit von 63 Milliarden im vergangenen Jahr auf 264 Milliarden Euro 2040 erhöhen, wie Roland Berger für den Industrieverband BDI ermittelt hat. Noch viel größer ist der Markt für Dienstleistungen aus dem All: Er soll demnach im selben Zeitraum von 408 auf 1700 Milliarden Euro steigen. Wenn viele Unternehmen in den Markt drängen und mehr Raketen und Satelliten nötig sind, werden sie sehr wahrscheinlich auch günstiger – dank industrieller Massenproduktion. Zudem heizt der Wettbewerb Innovation an.

So entwickeln allein in Deutschland drei Unternehmen, RFA (Augsburg), Isar Aerospace (Ottobrunn bei München) und Hyimpulse (Neuenstadt am Kocher nördlich von Stuttgart), sogenannte Microlauncher, Raketen bis zu einer Höhe von etwa 30 Metern, die günstig hergestellt und in schneller Folge Satelliten ins All bringen sollen. Hyimpulse will als Brennstoff Kerzenwachs statt Kerosin verwenden. Arianespace in Bremen liefert das Service-Modul, praktisch alles außer der Astronautenkapsel, für das Artemis-Programm der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Artemis soll wieder Menschen auf den Mond bringen. Auch die neue Oberstufe der europäischen Rakete Ariane 6 kommt von Arianespace.

In diesem Jahr vergab die Esa zudem einen der größten Aufträge überhaupt an den Satellitenspezialisten OHB aus Bremen. Lisa soll mit drei Satelliten sollen Gravitationswellen im All messen. Der Auftrag hat ein Gesamtvolumen von 839 Millionen Euro. Airbus in Friedrichshafen am Bodensee liefert unter anderem Satelliten für das Navigationssystem Galileo.