Der Charme des Zinseszinses

Ist die Rente sicher? Die Bundesregierung möchte jedenfalls jungen Menschen helfen, privat Geld fürs Alter zurückzulegen. Das Kabinett will noch vor Weihnachten darüber entscheiden. Was diskutiert wird, ähnelt bereits bestehenden Angeboten der Banken und Sparkassen. Ein kurzer Überblick über Frühstartrente und Kinderdepots.

Was ist die Frühstartrente?

Mit der Frühstartrente will die schwarz-rote Bundesregierung das deutsche Rentensystem entlasten. Bereits Jugendliche sollen jeden Monat Geld zurücklegen, um im Alter ihre Rente aufstocken zu können. Der Staat will jedem Kind ab sechs Jahren, das eine Schule besucht, monatlich zehn Euro schenken, die zweckgebunden am Kapitalmarkt angelegt werden sollen. Das soll die staatliche Rente ergänzen. Den Zuschuss soll es bis zum 18. Lebensjahr geben. Das Konzept soll die Bundesbürger dazu bringen, mehr privat vorzusorgen. Weil die Zahl derjenigen, die arbeiten sinkt, die der Rentner aber steigt, kommt das bestehende System absehbar an seine Grenzen.

Wann soll sie starten und wer bekommt Geld?

Vorgesehen ist, mit der Frühstartrente zum 1. Januar 2027 zu beginnen, aber rückwirkend zum 1. Januar. Rund 700.000 Sechsjährige werden dann wohl Geld bekommen. Bindet der Staat alle Sechs- bis 18-Jährigen ein, sind es rund neun Millionen Kinder.

Wo wird das Geld angelegt?

Vorgesehen ist, dass Eltern für ihre Kinder ein entsprechendes Depot bei einer Bank oder einem Versicherer anlegen. Dort können sie auch selbst einzahlen. Die Bundesbank übernimmt dem Plan nach, wenn sich Eltern nicht kümmern.

Was bringen zehn Euro im Monat?

Wer zwölf Jahre lang jeden Monat einfach zehn Euro zur Seite legt, hat 1440 Euro gespart. Wird das Geld angelegt, zum Beispiel in Fonds, können daraus im selben Zeitraum 2090 Euro werden, wie das Deutsche Aktieninstitut und die Fondsgesellschaft Vanguard errechnet haben. Bleibt das Geld einfach liegen, werden bis zum 67. Geburtstag 36.322 Euro daraus. Werden weiter jeden Monat zehn Euro bis zum Rentenbeginn angelegt, können es 70.142 Euro werden. Für die Musterrechnung gingen Aktieninstitut und Vanguard von im Schnitt sechs Prozent jährlicher Verzinsung aus. Der Wert ist auf lange Frist durchaus zu erzielen – trotz der Schwankungen an den Börsen. Beginnt der Zehn-Euro-Sparplan bereits mit der Geburt, stehen mit 67 bis zu 100.362 Euro zur Verfügung, wenn regelmäßig eingezahlt wird. Zum Vergleich: Wer 67 Jahre lang jeden Monat zehn Euro auf ein Tagesgeldkonto mit einer Verzinsung von einem Prozent anlegt, hat mit 67 rund 11.435 Euro angespart. Nicht berücksichtigt ist Inflation. Sie schmälert die Kaufkraft der Summe. Mit 100.000 Euro lässt sich in 67 Jahren sicher deutlich weniger kaufen als heute.

Wie kommen die hohen Summen zustande?

Das Vermögen wächst aus drei Gründen. Erstens durch das Sparen selbst: Jeden Monat steigt die Sparsumme um zehn Euro. Zweitens wächst das Vermögen durch Kursgewinne der Anlage, durch Gewinnausschüttungen bei Aktien (Dividende) oder Zinserträge bei Anleihen. Werden diese Erträge drittens wieder angelegt, werden auch sie künftig verzinst. Vor allem dieser Zinseszinseffekt treibt die Anlage.

Wie riskant sind solche Anlagen?

Wer am Kapitalmarkt Geld anlegt, muss damit rechnen, dass die Kurse und damit der Wert der Aktien, Anleihen oder Fonds auch fallen kann. Auf lange Sicht ging es in den vergangenen Jahren aber aufwärts. Kurseinbrüche zum Beispiel beim Platzen der Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre oder im Zuge der Finanzkrise 2008 wurden immer ausgeglichen. Und sparen für die Rente ist eine langfristige Aufgabe. Anlagen am Kapitalmarkt sind unsicherer, als Geld aufs Sparbuch zu packen. Nur vermehrt sich Vermögen dort nicht.

Wie unterscheidet sich die Frühstartrente von bestehenden Sparangeboten?

Sehr wahrscheinlich wird es besondere Regeln für die Frühstartrente geben, damit das Geld auch angespart und nicht vor der Rente ausgegeben wird. Viele Banken und Sparkassen bieten bereits sogenannte Kinderdepots.

Was ist ein Kinderdepot?

Wer Aktien, Anleihen und Fonds kaufen möchte, braucht ein Depot, eine Art virtuelle Ablage für Wertpapiere. Mit einem Depot ist ein Verrechnungskonto verknüpft, von dem aus die Wertpapiere beim Kauf bezahlt werden. Beim Verkauf wird dort Geld gutgeschrieben. Ein Kinderdepot ist ähnlich, allerdings gibt es einige Sonderregeln. So müssen die Eltern des Kindes es anlegen und kontrollieren auch, was gekauft wird, das Depot läuft aber auf den Namen des Kindes. Wird es 18, haben die Eltern keinen Zugriff mehr, das Kind übernimmt. Einige Banken beschränken die Art der Wertpapiere, die sich für ein Kinderdepot kaufen lassen. Aktien, Anleihen und Fonds sind möglich, aber hochspekulative und deshalb besonders riskante Produkte wie Knock-out-Zertifikate nicht. Schließlich soll das Kinderdepot eine Art Sparbuch für die Zeit sein, in der Geld nötig ist – für eine Ausbildung oder ein Auto. Wie viel Geld angelegt werden kann, ist in der Regel nicht begrenzt. Und es kann auch wieder etwas verkauft werden.

Wer bietet solche Depots an?

Viele Banken und Sparkassen bieten Kinderdepots an. Auch Onlinebanken und -broker haben diese besondere Form des Sparens im Programm. Der Name kann je nach Institut variieren.

Wie beantrage ich sie?

Bei klassischen Banken und Sparkassen lässt sich ein Kinderdepot im Namen der Tochter oder des Sohnes in der Filiale eröffnen. Bei Onlinebanken geht es bequem vom Rechner aus. Neben dem üblichen Eröffnungsformular sind aber noch eine Geburtsurkunde sowie der Nachweis über das Sorgerecht nötig. Auch müssen beide Elternteile unterschreiben. Es ist auch möglich, mehrere Kinderdepots bei unterschiedlichen Banken anzulegen.

Warum ist ein Kinderdepot interessant?

Zum einen ist der Spareffekt deutlich größer, wenn das Geld am Kapitalmarkt angelegt wird, als auf einem Sparbuch oder Tagesgeldkonto mit Zinsen unter einem Prozent. Zum anderen können nicht nur die Kinder selbst Geld einzahlen oder die Eltern, sondern zum Beispiel auch die Großeltern. 50 Euro von Oma zum Geburtstag oder zu Weihnachten können sich so über die Jahre ordentlich vermehren. Für das Kind gilt zudem ein Sparerfreibetrag von jährlich 1000 Euro. Erträge bis zu dieser Höhe müssen nicht versteuert werden. Dann sind solche Depots meist gebührenfrei. Und je nach Anbieter gibt es noch weitere Vergünstigungen wie niedrige Kaufgebühren oder Zinsen auf das Verrechnungskonto. Experten erhoffen sich außerdem, dass mit solchen Depots die Finanzbildung steigt. Das Kind will womöglich wissen, warum das Geld dort angelegt wird, warum das Vermögen steigt und was der Kapitalmarkt ist. Ganz nebenbei können auch die Eltern und Großeltern noch etwas lernen.