Der „Schwarz-Markt“ der Zukunft

Er hat Lebensmittel billiger gemacht: Discounter Lidl. Für manchen ist er zu billig. Kurz vor Weihnachten kostete das 250-Gramm-Stück-Butter dort nur 99 Cent, Bauern protestierten. Es ist ein ewiger Kampf um günstige Preise, Kunden und Expansion. „Lidl ist der größte Discounter weltweit, ein Exportschlager“, sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. In diesen Zeiten? Sonst tut sich die deutsche Wirtschaft eher schwer.

Alles begann 1973 im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen. Dort eröffnete Dieter Schwarz seinen ersten Discount-Markt. Schwarz-Markt wollte er ihn nicht nennen – zu unseriös. Sein Vater war 1930 in die Heilbronner Südfrüchtehandlung A.Lidl und Co. eingestiegen, machte dann die Lidl & Schwarz KG zu einem Großhandel für Lebensmittel. Der nachrückende Junior sicherte sich den Namen Lidl. Hauptkonkurrenz fortan: Aldi.

Die Aldi-Gründer, die Brüder Theo und Karl Albrecht, gelten als Erfinder der Discount-Idee, kamen damit schon 1962 auf den Markt. Sortiment: beschränkt. Einrichtung: schlicht. Im Angebot: No-Name-Artikel, präsentiert in halb aufgerissenen Pappkartons, kaltes Neonlicht. Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, erklärt: Discounter sind „konsequent kostenorientiert“: „Die Personalkosten zum Beispiel machen im Schnitt 10 Prozent des Umsatzes aus, bei den Supermärkten sind es 15.“

Lidl kopierte Aldi, der war aber über viele Jahre immer vorne weg. Die Aldi-Kassierer lernten die Artikelnummern auswendig, um die Ware schnell abzurechnen. Heute gibt es Scannerkassen. Sie erfassen auf Produkten einen Strichcode, der bei den Aldi-Produkten besonders groß sei, meint Gerling: „Keiner muss umständlich lange suchen, um den Einkauf durch die Kasse zu jagen.“ Das Discount-Modell entwickelt sich – muss es auch.

Billig reicht nicht. Gerling: „Die Kunden sind anspruchsvoller geworden.“ So gebe es nun frisches Obst und Gemüse, Brötchen und Teilchen, auch Markenartikel bei den Billigheimern, seien Regale schicker, Beleuchtung ausgeklügelter, Fassaden moderner geworden. Das zahlt sich aus: bei Lidl vor allem.

Die Discounter hierzulande – neben Aldi und Lidl gehören dazu unter anderem Penny, Netto und Norma – haben am Lebensmitteleinzelhandel derzeit einen Marktanteil von fast 47 Prozent, gemessen am Umsatz. Und Lidl ist unter ihnen die Nummer 1, betrachtet man Aldi Süd und Nord getrennt. Gerling rechnet vor: „Lidl erwirtschaftete in Deutschland 2024 einen Nettoumsatz von 30,4 Milliarden Euro, Aldi Süd von 19,1, Aldi Nord von 14,6.“ Lidl baut besonders um und aus, vor allem im Ausland.

Handelsprofessor Rüschen zählt weltweit 12.600 Lidl-Filialen, die Aldis haben gut 9.600. „Je mehr Filialen, umso größer die Mengen, die sie den Produzenten abnehmen, umso günstiger werden die Preise dafür“, sagt er – „Das ist eine sich verstärkende Einkaufsmacht.“ So könnten die deutschen Discounter selbst alt eingesessenen Supermärkten im Ausland Konkurrenz machen, etwa der Firma Migros in der Schweiz oder Tesco in Groß-Britannien. Umgekehrt fasse auf dem deutschen Markt kein ausländisches Unternehmen Fuß.

Der US-Einzelhandelsriese Walmart gab 2006 nach acht Jahren in den roten Zahlen in Deutschland wieder auf. Die russische Discounterkette Mere hatte 2019 eine erste Filiale in Leipzig geöffnet. Ihre geplante Expansion ging schon vor dem Krieg nicht auf, Ende 2022 zog sie sich ganz zurück.

Die deutschen Discounter machen derweil einen Laden nach dem anderen auf. Längst sind sie nicht mehr nur Händler, sondern auch Kaffee-, Nudel-, Limo-Produzenten, um nicht anderen ausgeliefert zu sein. „Lidl macht das noch noch mehr als Aldi“, erklärt Rüschen.

Dahinter steckt noch immer Gründer Schwarz, mittlerweile 86 Jahre alt. Er ist mit Lidl und der Kaufland-Kette, die ihm auch gehört, zum reichsten Mann Deutschlands geworden. Forbes schätzt sein Vermögen auf 40,5 Milliarden Dollar. Die Schlagzeilen sprachen nicht immer für ihn, „Stasi-Methoden beim Discounter“ schrieb der Spiegel 2008, Lidl hatte das Personal mit versteckten Kameras überwacht. Das hat sich geändert, wer das Sagen hat nicht.

Auch wenn Schwarz sich 1999 aus dem operativen Geschäft zurück gezogen habe, gehe ohne ihn wenig, meint Rüschen – auch nicht die Zukunft. Er wage sich in neue Geschäftsfelder vor, um alte abzusichern, sein Slogan: „Voraushandeln statt nur vorausdenken“.

Konkret: In jüngster Zeit hat der Handelsriese das Unternehmen Prezero aufgebaut, das Verpackungsmüll recycelt. Das spart Rohstoffe. 2022 gründete er eine Containerreederei, damit Lieferungen aus der Ferne nicht stocken. Jetzt steckt er satte 11 Milliarden Euro in ein gigantisches KI-Rechenzentrum im brandenburgischen Lübbenau auf dem Gelände eines alten Braunkohle-Kraftwerks. Spatenstich war im November.

Dort sollen auf eigenen Servern eigene Daten gespeichert werden. Auch andere Unternehmen oder Behörden sollen die Dienste nutzen können – gegen Bezahlung. Europa gilt im Digitalen als abhängig von den USA und seinen Tech-Konzernen, die meisten Daten werden in der Cloud von Amazon gespeichert. Für den Online-Händler ist das längst lukrativer als das traditionelle Geschäft.

Das Schwarz-Imperium, das in Neckarsulm sitzt und mit Lidl seinen Anfang nahm, steht heute für mehr als Lebensmittel. Rüschen meint: „Deutsche Wirtschaft kann Export und Wachstum, die Unternehmen müssen nicht unbedingt Trübsal blasen.“