Energiewende, günstiger gerechnet

Angesichts der Diskussion über die Verteidigungsfähigkeit Europas ist ein anderes wesentliches Projekt der EU etwas aus den Augen geraten: der Kampf gegen den Klimawandel. Auch hier sind riesige Summen nötig, um das Ziel zu erreichen, 2050 klimaneutral zu sein. Das trifft auch viele Verbraucher und Unternehmen. Die Energiepreise steigen vielerorts. Aber muss das so sein? Geht es günstiger? Und vor allem bezahlbar?

Theoretisch scheint das möglich zu sein. Der Energieversorger Eon hat jetzt durchgerechnet, wie sich die Ausgaben für die Energiewende ändern, wenn zunächst dort investiert wird, wo mit dem Geld besonders viel zu erreichen ist. Insgesamt müssen in der EU bis 2050 jährlich geschätzt zwischen einer und fast 1,4 Billionen Euro in Kraftwerke, Speicher, Elektrolyseure, Netze und anderes gesteckt werden. Zumindest, wenn alle Ziele der EU umgesetzt werden. Das Eon-Team um Chefvolkswirt Derk Swinder kommt zu dem Schluss, dass das auch mit insgesamt rund 1,466 Billionen Euro weniger möglich ist.

„Was sich jetzt rechnet, sollten wir priorisieren“, sagt Swinder. Alles andere wird dann verschoben. Besonders günstig lässt sich der CO2-Ausstoß senken, wenn mehr E-Autos auf die Straßen kommen, Wärmepumpen herkömmliche fossile Heizungen ersetzen und Industriewärme elektrifiziert wird. Deshalb schlagen die Eon-Experten vor, zunächst überwiegend auf Strom zu setzen. Allerdings nicht bei allem. Ein besonders großer Kostenblock, der aber kurzfristig recht wenig CO2-Verringerung bringt, ist Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom erzeugt wird.

Der Strombedarf wäre 2030 im Eon-Szenario ohne Elektrolyseure im Vergleich zur Prognose der EU um 75 Prozent niedriger, es müssten Anlagen mit 17 Prozent weniger Leistung gebaut werden, was 17 Prozent weniger Investitionen erforderte. Wasserstoff erst später auszubauen, als bisher vorgesehen, hält Swinder für unproblematisch. Grüner Wasserstoff sei heute so teuer, dass die Industrie ihn nicht in dem Umfang nachfrage, wie gedacht. „Man kann da mehr Geld reinstecken, man kann das Konzept aber auch an die Realität anpassen“, sagt der Eon-Chefvolkswirt. Was der Konzern aus seiner Sicht in seiner Studie getan hat. Überhaupt wünschen sich die Autoren, mehr auf den Markt zu vertrauen und weniger auf planerische Vorgaben.

Deutschland setzt auf grünen Wasserstoff für die Industrie. Der Um- und Neubau von Pipelines soll insgesamt 18,9 Milliarden Euro kosten. Das sogenannte Kernnetz soll 2032 in Betrieb gehen. Allerdings stocken viele Projekte, etwa Thyssen-Krupps Plan, ein Stahlwerk in Duisburg auf Wasserstoff umzustellen. Grundsätzlich hat die Branche das Problem, dass nur ins Netz investiert wird, wenn auch Kunden da sind. Die Industrie ordert aber erst grünen Wasserstoff, wenn sicher ist, dass auch geliefert werden kann.

Ersetzt grüner Wasserstoff später das fossile Erdgas als geplant und auch in einem geringeren Maße, muss das CO2, das ausgestoßen wird, gespeichert werden. Swinder sagt, die CCS genannte Technologie (Carbon Capture and Storage, CO2 abscheiden und speichern) sei ein zentrales Element einer kosteneffizienten Energiewende. Auch 2050 wird sie benötigt, denn nicht alle Industrien lassen sich CO2-frei betreiben.

CCS habe im Vergleich zu grünem Wasserstoff einen Kostenvorteil, sagt Swinder. Weil Planungs- und Entwicklungszeiten aber deutlich länger sind, sollten solche Speicher bereits jetzt angeschoben werden, damit sie in einigen Jahren auch zur Verfügung stünden. Projekte dazu gibt es zum Beispiel bereits in Dänemark und Norwegen. Beide Länder wollen CO2 gegen Gebühr in ehemaligen Öl- und Gaslagern vor der Küste speichern.

Die Energiekosten aller EU-Haushalte sinken der Studie zufolge von 777 Milliarden Euro in 2023 auf 434 Milliarden Euro in 2050, weil die Verbraucher von günstigem Strom profitieren. Öl, Kohle und Gas spielen kaum noch eine Rolle. Insgesamt wird die EU unabhängig von Energierohstoffimporten.

Die Studienautoren haben zahlreiche Annahmen getroffen, zur Inflation, der Zahl der Einwohner der EU, den Kosten von E-Autos, auch zu den Preisen für Kohle, Gas und CO2-Zertifikate oder zum Verbrauch. Die Studie zeigt nicht, dass sich das EU-Ziel tatsächlich mit geringeren Ausgaben erreichen lässt, sondern nur, dass es möglich wäre. „Auch wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht“, sagt Chefvolkswirt Swinder. „Das Ziel der Klimaneutralität 2050 muss bestehen bleiben. Auf dem Weg sollten wir immer wieder schauen, ob das, was wir tun, zum Bedarf passt.“ Die Studie betrachtet im Wesentlichen die EU als Ganzes, aussagen zu einzelnen Ländern wie Deutschland gibt es nicht. Eon versteht sie als Debattenbeitrag, um die richtige Strategie auf dem Weg zur Klimaneutralität zu wählen.

Der Konzern mit Sitz in Essen betreibt Stromverteilnetze und verkauft Strom an Industrie- und Privatkunden. Das eigene Wasserstoffgeschäft hat Eon inzwischen zurückgefahren, weil sich die anfängliche Euphorie für grünen Wasserstoff bisher nicht in umfangreiches Geschäft gewandelt hat. Nennenswertes CCS-Geschäft hat das Unternehmen nicht.