Mit Spectrum zu den Sternen

Etwas ist anders auf Andøya in diesem März. Auf dem Granit der norwegischen Nordseeinsel liegt bei Temperaturen knapp über null Grad wie üblich Schnee. Doch am Nordmelaveien arbeiten seit Tagen Spezialisten an einem historischen Ereignis: dem ersten Start einer Rakete von Kontinentaleuropa aus ins All, noch dazu einer aus deutscher Produktion. Und sie kämpfen mit dem Wetter.

Am frühen Montagnachmittag sollte die Spectrum genannte Rakete von Isar Aerospace aus Ottobrunn zum Jungfernflug abheben. Die Techniker begannen den Countdown am Morgen, mussten aber dann doch abbrechen. Stürmische Böen gefährdeten den Start. Noch bis Ende der Woche ist Zeit für einen neuen Versuch. Gelingt er, hat das Unternehmen den Wettlauf mit den beiden deutschen Konkurrenten Rocket Factory Augsburg und HyImpulse gewonnen.

Josef Achenbach, Chef der europäischen Raumfahrtagentur Esa, sprach bereits von einem historischen Ereignis. Denn es geht auch um einen unabhängigen Zugang zum All von Europa. Bisher heben europäische Raketen wie die Ariane 6 vom südamerikanischen Kourou aus ab. Zudem müssen die Europäer Raketenstarts beim US-Raumfahrtunternehmen SpaceX buchen, das Elon Musk gehört und in den USA startet.

Spectrum 1 ist 28 Meter hoch und hat einen Durchmesser von gut zwei Metern. Sie kann bis zu einer Tonne Gewicht ins All bringen, Satelliten zum Beispiel. Auf dem Jungfernflug ist allerdings keiner dabei. Das Unternehmen will so viele Daten wie möglich sammeln und vor allem die Abläufe lernen. Neun eigens entwickelte Triebwerke werden die Rakete in den Himmel über dem Nordmeer heben. Nach der ersten Phase wird die abgetrennte Oberstufe allein in den Himmel über dem Nordmeer steigen.

Die Spectrum ist ein sogenannter Microlauncher, Raketen, die deutlich kleiner sind und weniger Last transportieren können als etwa die Falcon 9 von SpaceX oder die Ariane 6. Sie sind vor allem darauf ausgelegt, schnell und in kurzer Folge kleinere Satelliten in knapp 500 Kilometer Höhe über der Erde zu transportieren. Dort im sogenannten Low Earth Orbit (Leo) planen Unternehmen ganze Satellitenschwärme, um zum Beispiel Autos zu vernetzen, vor Bränden auf der Erde zu warnen oder schnelles Internet anzubieten. Auch Felder lassen sich dank Hilfe aus dem All besser bewirtschaften.

Der Markt ist enorm. Im vergangenen Jahr setzten Unternehmen nach Zahlen des Industrieverbands BDI bereits 350 Millionen Dollar mit Anwendungen rund um Daten und Satelliten um. Eine Studie gemeinsam mit Roland Berger schätzt, dass der Markt für weltraumgestützte Anwendungen weltweit bis 2040 auf 1,25 Billionen Euro wachsen könnte.

Um wöchentliche Starts möglich zu machen, müssen die Raketen in großen Mengen günstig gebaut werden. Isar Aerospace setzt darauf, alles selbst zu bauen und sieht sich deshalb besonders effizient aufgestellt. Weil in der alten Fabrik in Ottobrunn nur bis zu zehn Raketen im Jahr gefertigt werden können, entsteht gerade ein neues Werk für etwa 40 Raketen im Jahr. In Raumfahrtdimensionen sind solche Mengen Massenproduktion.

Das alles kostet viel Geld. Einnahmen in großem Umfang fehlen bisher. Hinter Isar Aerospace stehen einige finanzkräftige Investoren wie Airbus Ventures, die Risikokapitalgeber Earlybird (Berlin) und Lakestar (Zürich), die Porsche Holding und ein Fonds der Nato, die insgesamt mehr als 400 Millionen Euro bereitgestellt haben. Zahlreiche Kunden gibt es bereits – die europäische Raumfahrtagentur ESA, Airbus, die norwegische Raumfahrtagentur. Den Startplatz auf Andøya hat sich Isar Aerospace für bis zu 20 Jahre gesichert.

Wie Isar Aerospace begannen auch RFA und HyImpulse vor gut sieben Jahren, eigene Raketen zu entwickeln. Die Augsburger schienen vorn zu liegen, mussten im vergangenen Jahr aber einen Rückschlag hinnehmen, als die Hauptstufe ihrer Rakete bei einem Test explodierte. Das Unternehmen rechnet dennoch mit einem Jungfernflug noch in diesem Jahr. Angepeilt ist der Sommer. RFA startet vom Saxavord Spaceport auf der nördlichsten Insel der Shetlands.

RFA setzt bei seiner Rakete auf Teile, die bereits in anderen Industrien erfolgreich im Einsatz sind und passt sie an. So sollen die Kosten sinken. Auch die Augsburger planen eine Massenfertigung. Wie Isar Aerospace auch hat das Unternehmen ein eigenes Triebwerk entwickelt. Beide Firmen nutzen 3D-Druck, um die Antriebe herzustellen. Hinter RFA stehen der Bremer Satellitenspezialist OHB und der US-Finanzinvestor KKR.

Die SR75 von HyImpulse, eine Ausgründung aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, aus Neuenstadt bei Heilbronn ist noch nicht so weit. Die Baden-Württemberger testeten ihr Antriebskonzept, bei dem eine Art Kerzenwachs wichtig ist, dafür bereits im 2024 mit einer kleineren Rakete in Australien, die nicht bis ins All vordringen sollte.

Auf mehr Unabhängigkeit und Wettbewerb setzt auch die ESA künftig. Die Idee: Privates Kapital bringt der Branche einen Schub und neue technologische Ansätze. Wenn mehr Firmen Raketenstarts anbieten, steigt die Verfügbarkeit. Zudem sinken die Preise. In dieser Woche startet der entsprechende europäische Raketenwettbewerb.

Unter den Bewerbern will die ESA dann Mitte des Jahres Unternehmen auswählen, die künftig gefördert werden. Bis zu 150 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Verträge sollen allerdings erst beim ESA-Ministerratstreffen in Bremen im November geschlossen werden. Die deutschen Firmen wollen sich beteiligen.