Mit gut 18 Knoten schiebt sich die Mein Schiff Relax durch das Mittelmeer. Während das neue Flaggschiff der TUI-Flotte den Hafen von Malaga in Spanien ansteuert, sitzt Chef Sebastian Ebel in Kabine 14220, spricht über die Zukunft des Urlaubskonzerns und die aktuelle Weltlage.
Wie bewerten Sie die aktuelle US-Politik?
Ein freier Welthandel war und ist gut. Eine unstetige Zollpolitik hat enorme negative Folgen für den Welthandel. Der Dollar war bisher Leitwährung, die USA waren der Hort der Stabilität einer liberalen Wirtschaftsordnung einer freien Welt. Verlässlichkeit war und ist entscheidend für die Stabilität der Märkte. Für Europa bietet die aktuelle Entwicklung auch viele Chancen. Unser Binnenmarkt mit 500 Millionen Einwohnern ist größer als der US-Markt. International werden wir jetzt verstärkt als die „Guten“ wahrgenommen. Die EU und Großbritannien können sich ohne Gesichtsverlust wieder annähern. Und Europa kann das Verhältnis zu China neu ausrichten und normalisieren. Wir können selbstbewusst sein. Europa ist groß, stark und bietet viele Chancen. Aber wir müssen uns mehr anstrengen als bisher. Und wir sollten jetzt schnell die überbordende Bürokratie, ein großer Hemmschuh für Wachstum, abbauen. Auch der Staat sollte seine Rolle neu erfinden und deutlich schlanker und schneller werden. Einige gute Gedanken sind im Koalitionsvertrag zu erkennen.
Die wirtschaftlichen Schockwellen sind derzeit groß. Was bedeutet das für das Geschäft von TUI?
Wir sind in den USA, anders als manch anderes Unternehmen, kaum investiert. Es ist keiner unserer Kernmärkte. Wir wachsen als Konzern besonders außerhalb unserer bisherigen Kernmärkte in Europa. Das erste Geschäftsquartal von Oktober bis Dezember lief gut. Vor gut zwei Wochen haben wir auf dem Investorentag in Madrid schon erklärt, dass wir strategisch wie operativ gut aufgestellt sind und wir die Prognose für das Gesamtjahr bestätigen.
Gilt das auch noch nach den Turbulenzen der vergangenen Tage?
Ja.
Sie planen bis zu zehn Prozent Umsatzplus. Wo kommt das Wachstum her?
Im 1. Quartal haben wir eine Steigerung von 13 Prozent verbuchen können. Wir sehen auch weiterhin eine gute Nachfrage nach unseren Produkten zu verbesserten Preisen und erwarten, dass alle Segmente den positiven Trend fortsetzen werden.
Was meinen Sie konkret?
Im Hotel- und Kreuzfahrtbereich geht es um eine sehr gute Rendite für unser eingesetztes Kapital. Dazu schauen wir uns an, welche Ziele wir ganzjährig verkaufen können. Bieten sie ein gutes Preis/Leistungsverhältnis und sind sie attraktiv für Kunden aus vielen Ländern? Bei den Hotels wachsen wir zum Beispiel seit zwei Jahren in Asien, seit zwei, drei Jahren investieren wir auch auf Sansibar und in Tansania. Dabei nutzen wir Skaleneffekte. Auf Sansibar werden wir bald zehn eigene Hotels betreiben.
Wie entwickelt sich das dann?
Ein gutes Beispiel sind die Kapverden. Vor gut zehn Jahren hat TUI die Inseln für Touristen entwickelt: TUI Hotels, TUI Flüge und TUI Aktivitäten vor Ort. Dazu steuerten unsere Kreuzfahrtunternehmen die Inseln an.
Wer will nach Sansibar?
Europäer, aber auch für Urlauber aus dem mittleren Osten und Afrika ist Sansibar interessant. Kunden kommen aus Südafrika oder Dubai, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Womit wir bei der Vermarktung sind, dem Kern von TUI.
Da stecken wir mitten in der Transformation. Wir bauen einen globalen kuratierten Freizeitmarktplatz. Das bedeutet: Wir erschließen neue Märkte auch außerhalb Europas auf Basis einer einheitlichen Plattform. Wir vergrößern unser Angebot gerade mit Produkten, die unsere Kunden auch zu Hause nutzen können – Erlebnisse, Tickets oder Events. Dabei ist uns wichtig, dass wir Produkte anbieten, die TUI besonders machen. Wir vermarkten über Reisebüros, die besonders in Deutschland beliebt und wichtig sind, sowie Online und über unsere App. Dazu verkaufen wir verstärkt auch touristische Einzelprodukte …
… wie beispielsweise Booking aus den Niederlanden.
Unsere Stärke ist das breite und teilweise auch exklusive Angebot, verbunden mit unserem Serviceversprechen. Wir bieten mehr als nur die klassische Kreuzfahrt oder den Strandurlaub, sondern auch Ausflüge, Erlebnisse, Städte- oder Rundreisen. Bei einer Anfrage für ein Wochenende in Paris sucht die Plattform im Hintergrund Flüge und Hotels und bietet sie zum Tagespreis an – individuell zusammengestellt. Die Pauschalreise ist kein standardisiertes starres Produkt mehr. Sie bietet das Beste aus beiden Welten: individuelle Reiseplanung und Sicherheit.
Dann sammeln Sie auch reichlich Daten.
Je besser wir die Kunden kennen, desto gezieltere Angebote können wir machen.
Die Mein Schiff Relax, Ihr Flaggschiff, ist 333 Meter lang, kann 3984 Gäste beherbergen und hat gut eine Milliarde Euro gekostet. Wie rechnet sich solch eine Investition in ein Kreuzfahrtschiff?
Kreuzfahrten sind sehr beliebt. Die Gäste möchten die Welt entdecken und ihr „Hotelzimmer“ mit nehmen. Das Produkt wird vielfältiger und wir setzen auf Entspannung, Wohlfühlen und gutes Essen. Die moderne Flotte fährt mit voller Auslastung. Die Investition bedeutet auch Aufträge für viele deutsche und europäische Zulieferer, oft mittelständische Unternehmen, etwa bei Steuerungstechnik, Pumpen, Kabinen oder Sanitäranlagen.
Bisher war TUI besonders stark im deutschsprachigen Raum und in Großbritannien.
Das ändert sich gerade. Dort, wo wir uns mit neuen Hotels etablieren, wollen wir zukünftig auch die Märkte vor Ort erschließen und Reisen verkaufen. Wir wachsen stark in Polen, Tschechien und Spanien. Und neuerdings auch in Süd- und Mittelamerika. TUI verkauft jetzt auch in Brasilien Pauschalreisen an Gäste aus Rio oder Sao Paulo. Und wir sehen deutliches Wachstum in Asien.
Also nicht nur Deutsche nach Bali bringen, sondern auch Thailänder und Chinesen?
Genau.
Kommen Chinesen mit TUI bald auch nach Deutschland? Zum Beispiel nach Sylt?
Gäste aus China nach Europa zu bringen, ist nicht ganz einfach. Wir haben zwar eine dementsprechende Lizenz für unsere chinesische Tochtergesellschaft, wir konzentrieren uns aber erst einmal darauf, Chinesen Urlaub in China oder anderen Ländern Asiens anzubieten.
Wann können US-Amerikaner über TUI buchen?
Aktuell konzentrieren wir uns darauf, mehr Reisen in Ost- und Südeuropa sowie in Südamerika zu verkaufen. Australien kann ich mir auch kurzfristig vorstellen sowie Indien. Die USA als Vertriebsmarkt beobachten wir. Unsere Hotels in der Karibik sind sehr attraktiv.
Mal abgesehen von den aktuellen Turbulenzen auf den Weltmärkten: Wie sieht TUI 2030 aus?
Wir sind der kuratierte Marktplatz, der weltweit die beliebtesten Freizeiterlebnisse verkauft und durch Vielfalt, Qualität und Service überzeugt. Unser Logo, der TUI Smile, kommt aus Europa und ist dann in der Welt zu Hause. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel investiert in die Grundlagen dafür, jetzt konzentrieren wir uns auf die Vermarktung.
Wie sehr wirkt die staatliche Rettung in der Corona-Krise nach?
Wir haben inzwischen alle Hilfen zurückgezahlt. Wir sind heute besser finanziert als vor Corona. Und der Umbau zahlt sich aus. Das Geschäft läuft. Leider zeigt sich das noch nicht so sehr im Aktienkurs. Wir arbeiten daran.