Wohlstand aus Wasserstoff

Bald beginnt die neue Zeit. Nach Jahrhunderten der Produktion mit Kohle soll 2026 die Stahlherstellung mit Wasserstoff starten. Das schwedische Unternehmen Stegra baut ein neues Werk in der Stadt Boden im Norden des Landes. Und der Wasserstoff dafür strömt aus Elektrolyseuren, die die Thyssenkrupp-Tochter Nucera in Dortmund liefert.

Dies ist ein Beispiel für den epochalen Wandel in Wirtschaft und Industrie. Hiesige Firmen bieten Produkte, die künftig wohl von großer Bedeutung sind. Deutschland hat gute Chancen, mit neuen Exportschlagern auch in den kommenden Jahrzehnten zu florieren.

Elektrolyseure zum Beispiel stellen eine Schlüssel-Technologie des zukünftigen Energiesystems dar. Einfach gesagt, zerlegen sie Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff. Als Energiequelle nutzen sie Elektrizität, die aus Wind- und Solarkraftwerken kommen kann. Ist das der Fall, wird der Wasserstoff als „grün“ bezeichnet – hergestellt, ohne dass klimaschädliches Kohlendioxid entweicht. Dient der Wasserstoff außerdem dazu, Steinkohle in der Stahlindustrie zu ersetzen, darf man in dieser Hinsicht das gewonnene Metall ebenfalls „grün“ nennen. Von der Verwendung in der Industrie abgesehen, dient Wasserstoff aber auch einfach als Speichermedium für Ökostrom.

Im weltweiten Vergleich ist das Nucera-Projekt in Schweden schon ein relativ bedeutendes. Die Elektrolyseur-Anlage kommt auf eine Kapazität von gut 700 Megawatt (Millionen Watt) – mehr als ein großes Gaskraftwerk. Dennoch spielt die Wasserstoff-Fabrik in der saudi-arabischen Stadt Neom in einer anderen Liga. Die „weltgrößte Anlage zur Produktion grünen Wasserstoffs“, nennt sie Nucera-Manager Leif Christian Kröger. Dort installiert die Firma Elektrolyseure mit einer Kapazität von zwei Gigawatt (Milliarden Watt). „Nach den für 2026 geplanten Test- und Inbetriebnahmephasen“ soll die Anlage „darauf vorbereitet sein, 2027 die kommerzielle Produktion aufzunehmen”, sagt Kröger.

Wobei man bei Neom vorsichtig sein muss. Das saudische Königshaus wollte sich eine Glitzer-Metropole bauen wie Dubai. Als Kernstück der komplett neuen Stadt für Millionen Einwohner am Roten Meer war eine 170 Kilometer lange Hochhaus-Scheibe („The Line“) durch die Wüste geplant. Mittlerweile scheint das Fantasie-Projekt aber von zu hohen Kosten und zu vielen technischen Problemen eingeholt zu werden. Wer weiß, ob die benachbarte Industrieansiedlung Oxagon, deren Teil die Nucera-Elektrolyseure sind, wie geplant in Betrieb geht.

Dennoch sieht sich das Dortmunder Unternehmen auf gutem Wege. Kröger: „Gemessen am Auftragsbestand“ führe man „die Liste der weltweiten Hersteller von Wasserstoff-Elektrolyseuren an“. Und auch bei den Auslieferungen fertiger Anlagen stand die Firma nach eigenen Angaben 2024 an der Spitze – vor Chinesen und US-Amerikanern. Das gibt es nicht in sehr vielen Branchen.

Allerdings ist Nucera vergleichsweise klein. Gut 1.000 Leute beschäftigt die Thyssenkrupp-Tochter weltweit, etwa 300 davon in Deutschland. So dürfte es noch dauern, bis solche Firmen und Branchen die heimische Ökonomie ziehen und tragen.

Und auch die Zukunftsaussichten haben sich zuletzt eingetrübt. Es komme zu Verzögerungen und Absagen bei neuen Wasserstoffprojekten weltweit, schreibt die Internationale Energie-Agentur in ihrem Wasserstoff-Bericht für 2025. Das spüren die Dortmunder ebenfalls. „Der Weltmarkt für Wasserstoff-Elektrolyseure ist mit Unsicherheiten konfrontiert“, sagt Leif Christian Kröger, „die Zahl neuer Aufträge nimmt ab.“

Einerseits liegt das wohl daran, dass die Technik im Vergleich zu konventionellen Methoden noch relativ teuer ist. Andererseits spielt die aktuelle Wachstumsschwäche eine Rolle. So hat der Stahlkonzern ArcelorMittal seine geplante Grün-Stahl-Fertigung in Bremen erstmal verschoben. Außerdem macht sich politischer Gegenwind bemerkbar. Weil die US-Regierung unter Donald Trump keine fossilfreie Wirtschaft will, laufen dort 2027 bestimmte Steuervergünstigungen aus, von denen Nucera profitiert hätte.

Auch in Europa ging es schon einmal schneller voran. Hier hapert es an der Umsetzung der beschlossenen Quoten für grünen Wasserstoff in Industrie und Verkehr. Die wenigstens Mitgliedsstaaten haben das bisher in nationales Recht übertragen. Die schwarz-rote Bundesregierung scheint sich auch vom bisherigen Ausbau-Ziel zu verabschieden. Im Monitoringbericht zur Energiewende, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beauftragte, heißt es: „Das Ziel von zehn Gigawatt heimischer Erzeugung bis 2030 erscheint angesichts der aktuellen Projektpipeline kaum erreichbar.“

So verstärken sich negative Einflüsse von Wirtschaft und Politik gegenseitig. Wenn letztere die Ausbau-Ziele reduziert, bleibt der Markt für grünen Wasserstoff klein und das Produkt teuer – was wiederum das Interesse von Unternehmen an weiteren Projekten schmälert. „Politisch wäre es wichtig, der Unsicherheit zu begegnen und Signale zu senden, die die künftige Nachfrage nach grünem Wasserstoff erhöhen“, wünscht sich Nucera-Manager Kröger.

Doch immerhin passiert etwas. Nicht nur in Schweden, auch in den Niederlanden. Im Hafen von Rotterdam baut Nucera im Auftrag von Shell einen 200-Megawatt-Elektrolyseur. Dort soll die Wasserstoff-Produktion ebenfalls 2026 beginnen.